Kann man Trauer nachholen?

Kann man Trauer nachholen, wenn seit dem Tod des Angehörigen eine lange Zeit vergangen ist? Geht das überhaupt? Mancher verliert früh im Leben Vater oder Mutter und es stellt sich die Frage, wie Menschen sich entwickeln, denen so etwas passiert ist. Ging man früher davon aus, dass Kinder diese Verluste schnell verarbeiten, weil sie sich bald nicht mehr an den fehlenden Elternteil erinnern können oder es schaffen, sich schnell an die neue Situation anzupassen, weiss man heute, dass viele Betroffene ein ganzes Leben lang an den Auswirkungen dieser frühen Verluste leiden und teils sogar Depressionen oder Angststörungen entwickeln. Erst in den letzten Jahren entstand das Bewusstsein um die traumatisierenden Auswirkungen solch früher Verluste.


Warum überhaupt an so weit Zurückliegendes rühren?

Die Praxis zeigt, dass hinter der aktuellen Symptomatik unter der ein Mensch leidet, häufig ein früh im Leben erlittener schwerer Verlust steht, der bearbeitet und transformiert werden will, bis ein nächster Wachstumsschritt eerfolgen kann. Die Verarbeitung solch früher Verluste hat demnach immer zwei Aspekte: den der Trauer und den des Traumas.


Trauerarbeit hatte viele Jahre lang zum Ziel, sich endgültig von dem Verstorbenen zu verabschieden und ihn loszulassen, um wieder frei für das eigene Leben zu werden. So einfach funktioniert es aber nicht und für viele Menschen ist dieser Ansatz im Grunde ohnehin nicht hilfreich, weil sie den Verstorbenen gar nicht loslassen wollen, sondern ihn als Teil ihres Lebens behalten und ihn weiterhin lieben wollen. Trauerarbeit hat demnach eher zum Inhalt, die innere Beziehung zu dem Verstorbenen in neuer Weise zu gestalten und sie weiterhin zu leben. Dies bedeutet weit mehr als Loslassen (Roland Kachler).


Was sind schwere Verluste?

Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten, da Menschen unterschiedlich trauern. Wie ein Verlust erlebt wird, kann von der Todesart abhängen, von den persönlichen Prägungen des Trauernden oder auch von den bisherigen Verlusterfahrungen. Gravierend werden Verluste jedoch oft erlebt, wenn sie plötzlich und unerwartet eintreten oder von traumatisierenden Umständen begleitet werden, z. B. durch die Umstände beim Auffinden des Toten oder in Situationen, in denen der Leichnam nicht mehr gefunden werden kann. Auch der Suizid von Angehörigen, oder der Verlust von Kindern, Geschwistern oder Elternteilen im Kindes-und Jugendalter können destruktiv prägend und traumatisierend wirken. Manchmal kommt es zu einer Aktualisierung dieser frühen Verluste, wenn im späteren Lebensalter ein oder mehrere weitere Verluste hinzukommen. Auf diese Weise entsteht bei den Betroffenen der Wunsch, die im Jugendalter nicht gelebte Trauerarbeit nachzuholen. Trauerarbeit bedeutet immer auch Beziehungsarbeit. Wie sah die Beziehung zu dem Verstorbenen vor seinem Tod aus?


Von frühen Verlusten

Frühe Verluste wirken manchmal lange nach
Frühe Verluste wirken manchmal lange nach

Nicht immer lässt sich ein Zusammenhang zu einem früheren Verlust sofort feststellen. Depressive Symptomatiken, Angst und Panikattacken stehen häufig zunächst im Vordergrund und sind vom damaligen Verlust so weit entfernt, dass der Betroffene keinen Zusammenhang vermutet.


Trauerarbeit und Beziehungsarbeit

Die Trauer um einen geliebten Menschen beinhaltet immer auch die Beziehung zu ihm und die Würdigung dieser Beziehungsgefühle. Bei frühen Verlusten ist es hilfreich, die inneren, kindlichen Anteile anzuschauen, die damals den Verlust erlitten haben.

Wie kam das Kind mit dem Verlust zurecht? Wie hat es getrauert? Wie hat sich das Familiensystem durch den Tod des verändert und wie gestalteten sich die Beziehungen des Kindes zu den anderen Familienmitgliedern?

Trauerarbeit ist Beziehungsarbeit
Trauerarbeit ist Beziehungsarbeit

In diesem Prozess können die Schmerzen der Trauer und des Verlusts wieder auftauchen, gewürdigt und verarbeitet werden. Beziehungsgefühle können wahrgenommen werden. Häufig wird dies auch im Körper spürbar und bereits seit langem bestehende Blockaden lösen sich.

Ziel des Prozesses ist es letztlich zu verstehen, dass die Trauer gehen kann und die Liebe bleiben darf. Teil der Trauer- und Beziehungsarbeit ist es möglicherweise auch, die traumatischen Aspekte des damaligen Geschehens traumatherapeutisch zu bearbeiten. Hier finden Sie Informationen zur Vorgehensweise in einer Traumatherapie.


Quelle: Roland Kachler, Nachholende Trauerarbeit

Sie erreichen mich für eine Terminvereinbarung unter der E-Mail kontakt@ulrike-englmann.de oder telefonisch unter 0160 90700600