Brainspotting: Eine Methode zur Verarbeitung von traumatischem Stress

Die Begriffe „Trauma“ und „Traumatisierung“ sind heute überall zu finden. Aber was ist eigentlich gemeint, wenn man von einem „Trauma“ oder von einer „traumatischen Erfahrung“ spricht?

Der Begriff selbst kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“. In der Medizin ist dies ein gängiger Begriff, der schon lange für körperliche Beeinträchtigungen verwendet wird. Seelische Verletzungen standen kaum im Fokus und wurden daher gar nicht als solche bezeichnet. Schließlich erfand man zur Diagnose von psychischen Verletzungen den Begriff „Posttraumatische Belastungsstörung“ und ordnete dieser verschiedene Symptome zu. Hierzu gehören in erster Linie sogenannte Flashbacks, also Bilder oder filmartige Alpträume, die sich immer wieder ins Bewusstsein drängen, Vermeidungsverhalten sowie anhaltende Zustände von Übererregung und Stress. Hinzu kommen auch Symptome, die in früheren traumatischen Ereignissen entstanden sind.



Wie lässt sich „Trauma“ definieren?

Eine bekannte Definition von Trauma ist die von Gottfried Fischer, einem bekannten Hirnforscher. Er sagt:

„Ein psychisches Trauma wird definiert als ein vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Das bedeutet, dass ein Trauma als objektives Außenereignis gar nicht definierbar ist, sondern immer in direktem Zusammenhang zur Persönlichkeit der Person steht, die ein Ereignis durchlebt. Zu einem Trauma wird also ein Ereignis, das mit einer so hohen Stressbelastung verbunden ist, dass weder das Stressverarbeitungssystem diese Erfahrung bewältigen noch integrieren kann und es den Selbstheilungskräften nicht gelingt, wieder einen ausgeglichenen Zustand herzustellen. Ein Geschehen an sich lässt sich somit nicht als „Trauma“ bezeichnen, sondern eher als potenzielle Traumatisierungssituation.



Die Entdeckung von Brainspotting

Brainspotting wurde 2003 von David Grand, einem New Yorker Psychiater, bei der Behandlung einer 16-jährigen Eiskunstläuferin entdeckt und von ihm seitdem systematisch als Methode zur Behandlung von Traumata und anderen Belastungserfahrungen weiterentwickelt.


Unterstützt wird die Therapie von einer akustischen bilateralen Stimulierung des Gehirns, die David Grand selbst entwickelt hat. Hierbei wird jeweils das linke und das rechte Ohr abwechselnd mit sanften Tönen und Geräuschen beschallt. Ziel dabei ist es, den durch traumatische Erfahrungen eventuell gestörten Informationsaustausch zwischen linker und rechter Hirnhälfte zu aktivieren und dabei die Prozessierung von traumatischem Material zu unterstützen.



Was ist ein Brainspot?

Unsere Augen und unser Gehirn sind untrennbar miteinander verbunden. Manchmal werden die Augen auch als „Fenster zur Seele“ bezeichnet. Unsere Augen liefern uns unentwegt Informationen über unsere äußere Umwelt. So ist unsere Gefühlslage davon abhängig, wohin wir unseren Blick richten und wie wir das Gesehene interpretieren. Wohin wir also schauen, hat einen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Richten wir unseren Blick auf eine bestimmte äußere Stelle, können wir auch den Fokus unserer Wahrnehmung auf diejenigen inneren Bereiche richten, in denen traumatische Erfahrungen gespeichert sind. Dies wird dann als Brainspot bezeichnet. Mit dem Blick auf einen Pointer kann dieser Brainspot gesucht und gefunden werden. Während des Prozessierens wird die Blickorientierung auf dem Pointer gehalten, um auf diese Weise das Abrufen belastender Gedächtnisinhalte zu unterstützen. So lässt sich im kontrollierten Rahmen der besonderen therapeutischen Beziehung die Stress- und Traumaverarbeitung und damit die Regulationsfähigkeit des Stressverarbeitungssystems fördern.


Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit, jede Zelle unseres Körpers laufend selbst zu überwachen und eine Regulierung der Prozesse einzuleiten. Diese Fähigkeit macht sich Brainspotting zunutze, indem es diesen Selbstheilungsprozess unterstützt.


Quelle: Wolfrum, G. (2020). Das Lehrbuch Brainspotting. Ein neuer Weg in der Traumatherapie. Kröning: Asanger